Zeitreise · 1884 bis heute

Vom Schnee zum Stream

Früher stand einer auf dem Dach und einer rief vom Fenster: „Jetzt! – Nee, wieder zurück!“ Heute ruft keiner mehr. Heute dreht sich der Ladekreis.

Dazwischen liegen gut 140 Jahre voller Röhren, Antennen, Kabel, Schüsseln und Apps. Eine kleine Geschichte des Fernsehempfangs – mit Notizen aus der Werkstatt, von einem, der die Röhren noch selbst gewechselt hat.

Zeitmaschine

Überblick

Wie das Signal zu dir kam

Jeder Empfangsweg hatte seine Zeit. Manche laufen seit Jahrzehnten parallel, andere sind längst abgeschaltet.

19301940195019601970198019902000201020202030Antenne analog1944193520081952DVB-T20192003DVB-T2 HD2017Kabel analog20191984Kabel digital1998Satellit analog20121985Satellit digital1996IPTV2006Streaming2007heute
AntenneKabelSatellitIPTVStreamingallmählicher Start
Kapitel 11884–1934

Die Erfinder

Labor & Versuch

Bevor irgendwer fernsehen konnte, musste erst mal jemand herausfinden, wie man ein Bild in Strom verwandelt – und wieder zurück.

  1. 1884

    Die Lochscheibe

    Der Student Paul Nipkow meldet in Berlin sein „elektrisches Teleskop“ zum Patent an: Eine Scheibe mit spiralförmig angeordneten Löchern zerlegt ein Bild in Zeilen. Die Idee soll ihm an einem einsamen Heiligabend gekommen sein.

  2. 1897

    Die Röhre

    Ferdinand Braun baut in Straßburg die Kathodenstrahlröhre. Gut hundert Jahre lang steckt sie danach in jedem Fernseher – und heizt nebenbei das Wohnzimmer.

  3. 1926

    Erste Gesichter

    John Logie Baird zeigt in London bewegte Bilder mit erkennbaren Gesichtern. 30 Zeilen, wackelig, flackernd – aber es ist Fernsehen.

  4. 1931

    Vollelektronisch

    Manfred von Ardenne führt auf der Funkausstellung in Berlin Fernsehen ganz ohne mechanische Scheibe vor – mit der Braunschen Röhre als Bildschirm.

„Und dafür brauch ich jetzt Strom?“
Im Labor, 1920er
Kapitel 21935–1951

Fernsehstuben

Antenne

Fernsehen war zuerst ein öffentliches Ereignis. Wer gucken wollte, ging hin – in die Fernsehstube.

  1. 1935

    Der erste Sender

    Am 22. März startet in Berlin der Fernsehsender „Paul Nipkow“ – der weltweit erste regelmäßige Fernsehdienst. 180 Zeilen, ein paar Stunden am Abend.

  2. 1936

    Olympia live

    Die Olympischen Spiele laufen in den Berliner Fernsehstuben. Public Viewing, gut 70 Jahre bevor es so hieß.

  3. 1937

    441 Zeilen

    Die Bildnorm steigt auf 441 Zeilen – das Bild wird deutlich schärfer.

  4. 1939

    Der Einheitsempfänger

    Ein Fernseh-Einheitsempfänger für zu Hause ist fertig entwickelt. Der Krieg verhindert, dass er je in die Läden kommt; der Sendebetrieb endet wenig später.

„Vorne sitzt immer der mit dem Hut.“
In der Fernsehstube, 1936
Kapitel 31952–1966

Schwarz-Weiß & Dachantenne

Antenne

Nach dem Krieg geht es richtig los. Auf den Dächern wachsen Antennen, in den Wohnzimmern stehen Truhen mit Röhren.

  1. 1952

    Neustart in Ost und West

    Am 21. Dezember sendet in Ost-Berlin das Fernsehzentrum Adlershof, am 25. Dezember startet der NWDR in Hamburg sein regelmäßiges Programm. Neue Norm: 625 Zeilen.

  2. 1954

    Das Wunder von Bern

    Deutschland wird Fußball-Weltmeister – verfolgt vor Schaufenstern und in Gaststätten. Im selben Jahr startet das ARD-Gemeinschaftsprogramm „Deutsches Fernsehen“.

  3. 1962

    Telstar

    Erstmals gehen Live-Bilder per Satellit über den Atlantik. Für zu Hause noch Zukunftsmusik – aber die Idee ist in der Welt.

  4. 1963

    Das Zweite – auf UHF

    Am 1. April geht das ZDF auf Sendung, und zwar im neuen UHF-Bereich. Wer kein UHF-Teil hatte, sah beim Zweiten nur Schnee – der Konverter wurde zum Verkaufsschlager.

  5. 1964

    Die Dritten

    Die ersten Dritten Programme starten. Drei Sender – mehr Auswahl war kaum vorstellbar.

„Nach der Nationalhymne kommt nur noch das Testbild. Ab ins Bett.“
Im Wohnzimmer, 1950er
Kapitel 41967–1983

Die Welt wird bunt

AntenneGemeinschaftsantenne

Farbe, Fernbedienung, Videotext – das Fernsehen wird erwachsen. Und die Antennen auf den Mietshäusern werden zur Gemeinschaftsanlage.

  1. 1967

    Der rote Knopf

    Am 25. August startet auf der Funkausstellung in Berlin das Farbfernsehen nach dem PAL-Verfahren. Willy Brandt drückt den großen roten Knopf – ein Techniker hatte aber schon ein paar Sekunden früher umgeschaltet.

  2. 1969

    Mondlandung

    Millionen bleiben die Nacht über wach und sehen Neil Armstrong auf dem Mond – in Schwarz-Weiß, auch im Farbfernseher.

  3. 1970er

    Fernbedienung

    Infrarot-Fernbedienungen setzen sich durch. Vorher war die Fernbedienung meistens das jüngste Kind.

  4. 1980

    Videotext

    ARD und ZDF starten den Videotext. Seite 100 wird zur Startseite der Nation – Jahrzehnte vor dem Smartphone.

„Wer hat das Ding zuletzt gehabt? Guck mal in der Sofaritze.“
Im Wohnzimmer, 1970er
Kapitel 51984–1995

Kabel, Schüssel & Privatfernsehen

KabelSatellit

Plötzlich gibt es mehr als drei Programme. Die Post verlegt Kabel, und auf den Balkonen tauchen die ersten Schüsseln auf.

  1. 1984

    Privatfernsehen

    Am 1. Januar beginnt in Ludwigshafen das Kabelpilotprojekt mit dem ersten privaten Programm, einen Tag später sendet RTL plus aus Luxemburg. Die Bundespost verkabelt das Land.

  2. 1987

    Pech im All

    Der deutsche Fernsehsatellit TV-SAT 1 erreicht seine Position – aber ein Solarpaddel klappt nicht auf. Für Fernsehen ist er damit unbrauchbar.

  3. 1989

    Astra auf 19,2° Ost

    Im Februar nimmt Astra 1A den Betrieb auf. Die Schüsseln werden kleiner und bezahlbar, Satellitenempfang wird zum Massenmarkt.

  4. 1991

    Ende des DFF

    Am 31. Dezember endet der Deutsche Fernsehfunk. Im Osten übernehmen ARD, ZDF und die neuen Landesrundfunkanstalten.

  5. 1994

    PALplus

    Breitbild im alten System: 16:9 ohne schwarze Balken – zumindest mit dem richtigen Fernseher.

„30 Programme – und es läuft trotzdem nichts.“
Im Wohnzimmer, 1980er
Kapitel 61996–2011

Digital

SatellitKabelAntenneIPTV

Aus Schnee werden Klötzchen. Digitalfernsehen bringt hunderte Programme, elektronische Programmführer – und die erste Set-Top-Box mit eigener Meinung.

  1. 1996

    Die d-box

    Am 28. Juli startet DF1 als erstes digitales Pay-TV in Deutschland. Die d-box wird berühmt – unter anderem für ihre Startzeit.

  2. 2003

    DVB-T in Berlin

    Berlin und Potsdam schalten als erste Region der Welt das analoge Antennenfernsehen komplett ab. Bis 2008 folgt ganz Deutschland.

  3. 2006

    Fernsehen übers Telefonkabel

    IPTV über VDSL kommt auf den Markt. Fernsehen kommt jetzt auch aus der Telefondose.

  4. 2010

    HD bei ARD und ZDF

    Am 12. Februar, pünktlich zu den Olympischen Winterspielen, starten ARD und ZDF ihren regulären HD-Betrieb – in 720p. Private Sender setzen auf 1080i.

„2.000 Programme gefunden. Wo ist denn jetzt das Erste?“
Im Wohnzimmer, 2000er
Kapitel 72012–2019

Analog geht in Rente

SatellitKabelAntenneIPTVStreaming

Nacheinander gehen die analogen Lichter aus. Gleichzeitig zieht das Internet ins Wohnzimmer ein.

  1. 2012

    Sat analog aus

    Am 30. April wird das analoge Satellitenfernsehen in Deutschland abgeschaltet. Wer noch einen alten Analog-Receiver hatte, sah ab sofort: nichts.

  2. 2014

    Netflix kommt

    Am 16. September startet Netflix in Deutschland. „Nur noch eine Folge“ wird zum Volkssport.

  3. 2017

    DVB-T2 HD

    Am 29. März wechselt das Antennenfernsehen auf DVB-T2 HD mit dem neuen Codec H.265. Alte DVB-T-Empfänger werden über Nacht zu Elektroschrott.

  4. 2019

    Kabel wird volldigital

    Nach Unitymedia 2017 schaltet auch Vodafone bis 2019 das analoge Kabelfernsehen ab. Damit ist analoges Fernsehen in Deutschland Geschichte.

„Opa, der Fernseher ist nicht kaputt. Der ist nur von 1998.“
Im Wohnzimmer, 2010er
Kapitel 82020–heute

Alles, überall, jederzeit

SatellitKabelAntenneIPTVStreaming

Fernsehen ist kein Gerät mehr, sondern eine App. Und trotzdem schauen Millionen ganz klassisch – per Satellit, Kabel oder Antenne.

  1. 2024

    Ende des Nebenkostenprivilegs

    Seit dem 1. Juli darf der Kabelanschluss nicht mehr automatisch über die Nebenkosten abgerechnet werden. Viele Mieter entscheiden zum ersten Mal selbst, wie sie fernsehen.

  2. 2025

    Tschüss, SD

    Am 7. Januar schaltet die ARD die SD-Verbreitung über Satellit ab, am 18. November folgt das ZDF. Ältere Geräte ohne HD-Empfang bleiben dunkel.

  3. 2027

    Neue Senderlandschaft

    Zum Jahreswechsel sollen tagesschau24, ONE und ARD-alpha eingestellt werden; ZDFinfo und ZDFneo sollen als gemeinsame Kanäle „info“ und „neo“ weiterlaufen. Was das für deine Senderliste heißt, steht in der Transponderliste.

„Was wollen wir gucken?“ – 45 Minuten später: „Ach, egal.“
Im Wohnzimmer, heute
Schärfer und schärfer

Von 30 Zeilen bis 4K

Ein Fernsehbild besteht aus Zeilen. Wie viele es sind, entscheidet über die Schärfe. Die Balken sind maßstabsgetreu.

  1. 192630 ZeilenBaird, mechanisch
  2. 1935180 Zeilenerster Sender
  3. 1937441 ZeilenVorkriegsnorm
  4. 1952625 ZeilenNachkriegsnorm – bis heute SD
  5. 2010720 ZeilenHD bei ARD & ZDF
  6. 20101.080 ZeilenHD privat
  7. 2015+2.160 ZeilenUHD / 4K
Und morgen?

Was bleibt

Satellit

Ein Satellit sendet an alle gleichzeitig. Ob zehn oder zehn Millionen zuschauen, macht für ihn keinen Unterschied – deshalb wird er so schnell nicht verschwinden.

Antenne & Kabel

DVB-T2 und das Kabel laufen weiter. Im Kabel wird das Fernsehen nach und nach selbst zu Internet: alles IP, nur durch ein anderes Rohr.

Streaming

Streaming wächst, braucht aber für jeden Zuschauer eine eigene Datenleitung. Beim Fußball-Finale merkt das jedes Netz.

Die Technik hat sich ein Dutzend Mal neu erfunden. Eins ist gleich geblieben: Am Ende will jeder einfach nur, dass das Bild läuft.
Fazit aus der Werkstatt

Jahreszahlen nach Angaben der Sender und Netzbetreiber, der Landesmedienanstalten und der Verbraucherzentralen. Einige Übergänge verliefen über mehrere Jahre – im Zeitstrahl als weicher Beginn dargestellt.