Vom Schnee zum Stream
Früher stand einer auf dem Dach und einer rief vom Fenster: „Jetzt! – Nee, wieder zurück!“ Heute ruft keiner mehr. Heute dreht sich der Ladekreis.
Dazwischen liegen gut 140 Jahre voller Röhren, Antennen, Kabel, Schüsseln und Apps. Eine kleine Geschichte des Fernsehempfangs – mit Notizen aus der Werkstatt, von einem, der die Röhren noch selbst gewechselt hat.
Wie das Signal zu dir kam
Jeder Empfangsweg hatte seine Zeit. Manche laufen seit Jahrzehnten parallel, andere sind längst abgeschaltet.
Die Erfinder
Bevor irgendwer fernsehen konnte, musste erst mal jemand herausfinden, wie man ein Bild in Strom verwandelt – und wieder zurück.
- 1884
Die Lochscheibe
Der Student Paul Nipkow meldet in Berlin sein „elektrisches Teleskop“ zum Patent an: Eine Scheibe mit spiralförmig angeordneten Löchern zerlegt ein Bild in Zeilen. Die Idee soll ihm an einem einsamen Heiligabend gekommen sein.
- 1897
Die Röhre
Ferdinand Braun baut in Straßburg die Kathodenstrahlröhre. Gut hundert Jahre lang steckt sie danach in jedem Fernseher – und heizt nebenbei das Wohnzimmer.
- 1926
Erste Gesichter
John Logie Baird zeigt in London bewegte Bilder mit erkennbaren Gesichtern. 30 Zeilen, wackelig, flackernd – aber es ist Fernsehen.
- 1931
Vollelektronisch
Manfred von Ardenne führt auf der Funkausstellung in Berlin Fernsehen ganz ohne mechanische Scheibe vor – mit der Braunschen Röhre als Bildschirm.
„Und dafür brauch ich jetzt Strom?“
Fernsehstuben
Fernsehen war zuerst ein öffentliches Ereignis. Wer gucken wollte, ging hin – in die Fernsehstube.
- 1935
Der erste Sender
Am 22. März startet in Berlin der Fernsehsender „Paul Nipkow“ – der weltweit erste regelmäßige Fernsehdienst. 180 Zeilen, ein paar Stunden am Abend.
- 1936
Olympia live
Die Olympischen Spiele laufen in den Berliner Fernsehstuben. Public Viewing, gut 70 Jahre bevor es so hieß.
- 1937
441 Zeilen
Die Bildnorm steigt auf 441 Zeilen – das Bild wird deutlich schärfer.
- 1939
Der Einheitsempfänger
Ein Fernseh-Einheitsempfänger für zu Hause ist fertig entwickelt. Der Krieg verhindert, dass er je in die Läden kommt; der Sendebetrieb endet wenig später.
„Vorne sitzt immer der mit dem Hut.“
Schwarz-Weiß & Dachantenne
Nach dem Krieg geht es richtig los. Auf den Dächern wachsen Antennen, in den Wohnzimmern stehen Truhen mit Röhren.
- 1952
Neustart in Ost und West
Am 21. Dezember sendet in Ost-Berlin das Fernsehzentrum Adlershof, am 25. Dezember startet der NWDR in Hamburg sein regelmäßiges Programm. Neue Norm: 625 Zeilen.
- 1954
Das Wunder von Bern
Deutschland wird Fußball-Weltmeister – verfolgt vor Schaufenstern und in Gaststätten. Im selben Jahr startet das ARD-Gemeinschaftsprogramm „Deutsches Fernsehen“.
- 1962
Telstar
Erstmals gehen Live-Bilder per Satellit über den Atlantik. Für zu Hause noch Zukunftsmusik – aber die Idee ist in der Welt.
- 1963
Das Zweite – auf UHF
Am 1. April geht das ZDF auf Sendung, und zwar im neuen UHF-Bereich. Wer kein UHF-Teil hatte, sah beim Zweiten nur Schnee – der Konverter wurde zum Verkaufsschlager.
- 1964
Die Dritten
Die ersten Dritten Programme starten. Drei Sender – mehr Auswahl war kaum vorstellbar.
„Nach der Nationalhymne kommt nur noch das Testbild. Ab ins Bett.“
Die Welt wird bunt
Farbe, Fernbedienung, Videotext – das Fernsehen wird erwachsen. Und die Antennen auf den Mietshäusern werden zur Gemeinschaftsanlage.
- 1967
Der rote Knopf
Am 25. August startet auf der Funkausstellung in Berlin das Farbfernsehen nach dem PAL-Verfahren. Willy Brandt drückt den großen roten Knopf – ein Techniker hatte aber schon ein paar Sekunden früher umgeschaltet.
- 1969
Mondlandung
Millionen bleiben die Nacht über wach und sehen Neil Armstrong auf dem Mond – in Schwarz-Weiß, auch im Farbfernseher.
- 1970er
Fernbedienung
Infrarot-Fernbedienungen setzen sich durch. Vorher war die Fernbedienung meistens das jüngste Kind.
- 1980
Videotext
ARD und ZDF starten den Videotext. Seite 100 wird zur Startseite der Nation – Jahrzehnte vor dem Smartphone.
„Wer hat das Ding zuletzt gehabt? Guck mal in der Sofaritze.“
Kabel, Schüssel & Privatfernsehen
Plötzlich gibt es mehr als drei Programme. Die Post verlegt Kabel, und auf den Balkonen tauchen die ersten Schüsseln auf.
- 1984
Privatfernsehen
Am 1. Januar beginnt in Ludwigshafen das Kabelpilotprojekt mit dem ersten privaten Programm, einen Tag später sendet RTL plus aus Luxemburg. Die Bundespost verkabelt das Land.
- 1987
Pech im All
Der deutsche Fernsehsatellit TV-SAT 1 erreicht seine Position – aber ein Solarpaddel klappt nicht auf. Für Fernsehen ist er damit unbrauchbar.
- 1989
Astra auf 19,2° Ost
Im Februar nimmt Astra 1A den Betrieb auf. Die Schüsseln werden kleiner und bezahlbar, Satellitenempfang wird zum Massenmarkt.
- 1991
Ende des DFF
Am 31. Dezember endet der Deutsche Fernsehfunk. Im Osten übernehmen ARD, ZDF und die neuen Landesrundfunkanstalten.
- 1994
PALplus
Breitbild im alten System: 16:9 ohne schwarze Balken – zumindest mit dem richtigen Fernseher.
„30 Programme – und es läuft trotzdem nichts.“
Digital
Aus Schnee werden Klötzchen. Digitalfernsehen bringt hunderte Programme, elektronische Programmführer – und die erste Set-Top-Box mit eigener Meinung.
- 1996
Die d-box
Am 28. Juli startet DF1 als erstes digitales Pay-TV in Deutschland. Die d-box wird berühmt – unter anderem für ihre Startzeit.
- 2003
DVB-T in Berlin
Berlin und Potsdam schalten als erste Region der Welt das analoge Antennenfernsehen komplett ab. Bis 2008 folgt ganz Deutschland.
- 2006
Fernsehen übers Telefonkabel
IPTV über VDSL kommt auf den Markt. Fernsehen kommt jetzt auch aus der Telefondose.
- 2010
HD bei ARD und ZDF
Am 12. Februar, pünktlich zu den Olympischen Winterspielen, starten ARD und ZDF ihren regulären HD-Betrieb – in 720p. Private Sender setzen auf 1080i.
„2.000 Programme gefunden. Wo ist denn jetzt das Erste?“
Analog geht in Rente
Nacheinander gehen die analogen Lichter aus. Gleichzeitig zieht das Internet ins Wohnzimmer ein.
- 2012
Sat analog aus
Am 30. April wird das analoge Satellitenfernsehen in Deutschland abgeschaltet. Wer noch einen alten Analog-Receiver hatte, sah ab sofort: nichts.
- 2014
Netflix kommt
Am 16. September startet Netflix in Deutschland. „Nur noch eine Folge“ wird zum Volkssport.
- 2017
DVB-T2 HD
Am 29. März wechselt das Antennenfernsehen auf DVB-T2 HD mit dem neuen Codec H.265. Alte DVB-T-Empfänger werden über Nacht zu Elektroschrott.
- 2019
Kabel wird volldigital
Nach Unitymedia 2017 schaltet auch Vodafone bis 2019 das analoge Kabelfernsehen ab. Damit ist analoges Fernsehen in Deutschland Geschichte.
„Opa, der Fernseher ist nicht kaputt. Der ist nur von 1998.“
Alles, überall, jederzeit
Fernsehen ist kein Gerät mehr, sondern eine App. Und trotzdem schauen Millionen ganz klassisch – per Satellit, Kabel oder Antenne.
- 2024
Ende des Nebenkostenprivilegs
Seit dem 1. Juli darf der Kabelanschluss nicht mehr automatisch über die Nebenkosten abgerechnet werden. Viele Mieter entscheiden zum ersten Mal selbst, wie sie fernsehen.
- 2025
Tschüss, SD
Am 7. Januar schaltet die ARD die SD-Verbreitung über Satellit ab, am 18. November folgt das ZDF. Ältere Geräte ohne HD-Empfang bleiben dunkel.
- 2027
Neue Senderlandschaft
Zum Jahreswechsel sollen tagesschau24, ONE und ARD-alpha eingestellt werden; ZDFinfo und ZDFneo sollen als gemeinsame Kanäle „info“ und „neo“ weiterlaufen. Was das für deine Senderliste heißt, steht in der Transponderliste.
„Was wollen wir gucken?“ – 45 Minuten später: „Ach, egal.“
Von 30 Zeilen bis 4K
Ein Fernsehbild besteht aus Zeilen. Wie viele es sind, entscheidet über die Schärfe. Die Balken sind maßstabsgetreu.
- 192630 ZeilenBaird, mechanisch
- 1935180 Zeilenerster Sender
- 1937441 ZeilenVorkriegsnorm
- 1952625 ZeilenNachkriegsnorm – bis heute SD
- 2010720 ZeilenHD bei ARD & ZDF
- 20101.080 ZeilenHD privat
- 2015+2.160 ZeilenUHD / 4K
Was bleibt
Satellit
Ein Satellit sendet an alle gleichzeitig. Ob zehn oder zehn Millionen zuschauen, macht für ihn keinen Unterschied – deshalb wird er so schnell nicht verschwinden.
Antenne & Kabel
DVB-T2 und das Kabel laufen weiter. Im Kabel wird das Fernsehen nach und nach selbst zu Internet: alles IP, nur durch ein anderes Rohr.
Streaming
Streaming wächst, braucht aber für jeden Zuschauer eine eigene Datenleitung. Beim Fußball-Finale merkt das jedes Netz.
Die Technik hat sich ein Dutzend Mal neu erfunden. Eins ist gleich geblieben: Am Ende will jeder einfach nur, dass das Bild läuft.
Jahreszahlen nach Angaben der Sender und Netzbetreiber, der Landesmedienanstalten und der Verbraucherzentralen. Einige Übergänge verliefen über mehrere Jahre – im Zeitstrahl als weicher Beginn dargestellt.